Ein derartiger Eingriff in das Arbeitszeitmodell hat Folgen. Bleibt die Wochenstundenzahl gleich, werden die verbleibenden Arbeitstage länger. Werden die Wochenstunden dagegen reduziert, stellt sich umso deutlicher die Frage, wie Aufgaben und Abläufe darauf abgestimmt werden. Aus unserer damaligen Beschreibung lässt sich nicht eindeutig ablesen, welche Wochenstundenzahl bei Osenstätter vereinbart war.
Die Prozesse müssen sich erst einmal einspielen. Gerade die Kommunikation in Projekten, auf Baustellen und auch firmenintern müsse sich „einschleifen“, so der damalige Juniorchef Nico Osenstätter in unserem ursprünglichen Beitrag. Mit einem neuen Wochenplan allein ist die Arbeit also noch nicht neu organisiert.
Doch was sind die Fakten hinter der Theorie? Mehr erledigte Aufträge? Weniger Verzögerungen? Zufriedenere Mitarbeitende? Genau daran müsste sich das Modell im Betrieb messen lassen. Die zuvor an dieser Stelle genannte Produktivitätssteigerung von 13 Prozent ist ohne belastbaren Originalnachweis kein geeigneter Beleg dafür.
Die Firma stellt sich so auf die Suche nach neuen Fachkräften ein
Eine erste Reaktion schilderten wir schon im damaligen Beitrag: Nach der Ankündigung der Vier-Tage-Woche gingen demnach vermehrt Bewerbungen ein. Selbst der beauftragte Headhunter fragte während einer Personalbesprechung scherzhaft: „Wo darf ich unterschreiben?“
Die kleine Szene bringt den Reiz des Angebots auf den Punkt. Jeden Freitag frei — das war die im Beitrag beschriebene Aussicht. Ein Tag für die Familie, zum Durchatmen oder für Dinge, die sonst liegen bleiben. Aus dieser Reaktion lässt sich Interesse am Modell erkennen; wie viele dauerhafte Einstellungen daraus wurden, ist damit noch nicht gesagt.
Das Wachstum der Firma braucht neue Mitarbeitende
Die Hoffnung des Unternehmens war nachvollziehbar: Mit zusätzlichen Fachkräften ließen sich laufende Projekte besser bewältigen und weitere Aufträge annehmen. Bewerbungen waren dafür ein Anfang. Bis daraus eingearbeitete Kolleginnen und Kollegen werden, die das Team dauerhaft verstärken, sind jedoch weitere Schritte nötig.
Deshalb wäre es zu früh, aus dem Interesse am Arbeitszeitmodell bereits gesichertes Wachstum oder termingerecht abgewickelte Aufträge abzuleiten. Genau das sollte die Umstellung ermöglichen — ob und in welchem Umfang es gelang, müsste eine spätere Bilanz zeigen.
Mehr Raum für Erholung — wie sieht das im Alltag aus?
Ein zusätzlicher freier Tag klingt nach mehr Luft im Kalender. Aber was passiert an den vier anderen Tagen? Bleiben die Abläufe gut planbar, oder wird die gleiche Arbeit einfach dichter gepackt? Für die Beschäftigten dürfte dieser Unterschied mindestens so wichtig sein wie die Zahl der Arbeitstage.
Für den konkreten Betrieb liegen uns keine belastbaren Angaben zu gesundheitlichen Auswirkungen vor. Weniger Krankheitstage oder ein geringeres Burnout-Risiko lassen sich deshalb nicht versprechen. Auch die frühere Aussage, jeder könne den freien Tag selbst bestimmen, war in unserem Beitrag nicht belegt; beschrieben war vielmehr ein freier Freitag.